Finchen

Es gibt ja mittlerweile haufensweise Rettungsdienstgeschichten im Internet oder in Büchern oder vielleicht auch auf Klopapierrollen. Häufig sind es Geschichten von Patienten, die nicht so der Traumpatient eines jeden Rettungsdienstlers sind. Ich kenne auch einige von diesen Mitbürgern, aber es gibt auch viele wirklich nette Patienten. So wie Finchen zum Beispiel. Finchen ist ca. 80 Jahre alt und lebt alleine zu Hause, manchmal kommt ihre Tochter oder ihr Sohn sie besuchen. Heute geht es Finchen nicht so gut, sie fühlt sich ganz schlapp und eigentlich hat sie auch so ein komisches Gefühl in der Brust. Das hat sie öfter, aber sonst geht es immer weg. Heute nicht, deshalb hat ihre Tochter, die zufällig da war, uns angerufen. Finchen entschuldigt sich, dass wir kommen mussten, aber ihre Tochter hat sich Sorgen gemacht und eigentlich – das merkt sie jetzt – hat sie auch Schwierigkeiten mit der Luft. Das ist auch neu. Eine kleine Liste Vorerkrankungen hat sie, aber eigentlich kann sie nicht klagen. Der Frau Müller geht es doch viel schlechter.

Die körperliche Untersuchung ergibt keine großen Auffälligkeiten, aber gegen den Druck in der Brust gibt der Notarzt ihr Nitrospray. Wir wollen Finchen mit ins Krankenhaus nehmen und weil ihre Tochter das auch so sieht, kommt Finchen mit. Im Auto bekommt sie noch Zugang und co, aber das ist nicht so wichtig. Warum ich mich an Finchen erinnere ist das Gespräch im Auto. Es sei so nett, dass wir ihr helfen, dass wir uns Zeit für sie nehmen. Und ich sei noch so jung und mache trotzdem so einen harten Job. Ich weiß nicht, was ich darauf erwidern soll. Es macht mir eben Spaß zu helfen. Das sei selten, sagt sie. Die jungen Leute haben heute so viel zu tun, ihre Tochter kommt zwar alle paar Tage, aber sie ist auch immer schnell wieder weg. Das kann Finchen verstehen. Ihre Tochter muss viel arbeiten und irgendwann möchte sie ja sicher auch Zeit mit ihrem Mann und ihren Kindern verbringen. Finchen geht gern spazieren. Früher war sie mit ihrem Mann spazieren, oder mit Frau Meier. Aber die sind jetzt beide im Himmel, da muss sie alleine spazieren gehen. Das geht aber auch nicht mehr so gut. Das ist schade, sage ich, aber wieder weiß ich nicht so richtig, was ich sagen soll. Was sagt man denn einer Frau, die offenbar viel ihrer Freude verloren hat? Sie scheint einsam zu sein, zwar kommen ihre Kinder vorbei, aber offenbar traut Finchen sich nicht zu sagen, dass sie gerne mehr Zeit mit ihnen verbringen will. Finchen möchte niemandem zur Last werden und alte Frauen seien ja auch oft eine Last. Jetzt sind wir am Krankenhaus, Finchen wohnt nicht weit weg, und ich weiß noch immer nicht so recht, was ich eigentlich sagen soll. Sie bedankt sich noch mal bei uns allen, es ginge ihr schon viel besser. Und bei mir bedankt sie sich für das nette Gespräch. Gerne, sage ich ihr und meine es auch so. Wir verabschieden uns von ihr, wünschen ihr alles Gute und auch das ist wirklich ernst gemeint.

Es ist schön, wenn man helfen kann. Und vor allem, wenn man dafür nur zuhören muss. Leider nehmen wir uns oft nicht viel Zeit für die Patienten. Sei es, weil es wirklich schnell gehen muss oder weil wir genervt sind, dass wir schon wieder zu einem „nicht so wichtigen“ Einsatz mussten. Aber ist es nicht viel schöner, ein „danke“ zu hören, nur weil man jemandem zugehört hat? Ich finde schon.

Advertisements

2 Gedanken zu „Finchen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s