Palliativnetz

Ich mag es ja, wenn Dinge funktionieren. Schade ist nur, wenn Sachen nicht funktionieren und dass dann dem Patienten schadet. So wie eines Abends unser liebes Palliativnetz. Grob gesagt ist das Palliativnetz ein Zusammenschluss vieler Haus- und Fachärzte in Kooperation mit einem unserer Krankenhäuser. Die Ärzte können Patienten auf eine Palliativliste setzen lassen und diese können dann eigentlich unkompliziert auf die hiesige Palliativstation aufgenommen werden, wenn es ihnen schlecht geht.

Einen Nachmittag fahren wir also mit dem Krankenwagen in ein Dörfchen außerhalb unserer Stadt, auf dem Melder stand schon, dass es eine Einweisung mit dem Ziel Palliativstation ist. Wir kommen an einen abgelegenen Hof und werden von einem Hund samt Frauchen Irmgard empfangen, ihrer Schwester Klara ginge es gar nicht gut. Sie erzählt uns, dass ihre Schwester Krebs hat und seit Monaten schon nicht mehr alleine leben kann. Klara wird von Irmgard und ihren Kindern so gut es geht gepflegt, da sie noch nicht alt ist (Mitte 50) soll sie auf gar keinen Fall in ein Heim. Jetzt ist Klara aber so kraftlos, dass auch Irmgard und ihr Sohn sie nicht mehr richtig auf die Toilette bekommen, Irmgard weiß nicht was sie machen soll. Sie wirkt sehr traurig und verzweifelt, ich merke ihr an, wie ungern sie ihre Schwester „einfach ins Krankenhaus geben will“. Ich sage ihr, dass ich das sehr gut verstehen kann, dass man aber auch auf sich selber achten muss. Es ist in einer solchen Situation immer schwer, die richtigen Worte zu finden, da tickt jeder Angehörige anders, doch Irmgard stimmt mir zu.
Meine Kollegin und ich sehen also nach Klara, der es wirklich nicht gut geht. Sie wirkt sehr matt, spricht sehr leise und kann sich kaum aufsetzen. Sie sagt, sie möchte ihrer Familie nicht mehr so zur Last fallen, daher hat sie heute Mittag ihren Hausarzt angerufen, der hat organisiert, dass sie auf der Palliativstation aufgenommen werden kann.
Irgendwie schaffen wir es Klara auf unseren Tragestuhl zu setzen, schon von dieser kleinen Anstrengung atmet sie sehr schwer. Leider passt unsere Trage nicht in ihre Wohnung, sonst hätten wir es ihr leichter machen können. So schieben wir sie auf dem Stuhl durch den Flur und tragen sie die Eingangstreppe herunter. Klara ist das unangenehm, da wir beide so zierliche Mädchen seien und sie lieber selber laufen können würde. Ich sage ihr, dass das für uns kein Problem ist, aber das glaubt sie mir natürlich nicht so recht. Das Umsetzen auf die Trage draußen fällt ihr wieder sehr schwer, aber gemeinsam schaffen wir auch das. Klara nimmt ihr Kuschelkissen mit, weil unser Kopfteil nicht besonders bequem ist. Als wir sie auf der Trage anschnallen, kommen zwei kleine Mädchen zur Tür, die bis dahin in einem Nebenraum gespielt haben. Sie wollen sich von Klara verabschieden und versprechen, sie bald im Krankenhaus zu besuchen. Dann kommt auch Klaras Mann zu uns nach draußen. Er wirkt sehr erschöpft, drückt ihre Hand und schaut sie einfach nur an. Es ist ein sehr intimer Moment, ich weiß nicht, wo ich hingucken soll. Meine Kollegin und ich merken, dass die beiden sich endgültig voneinander verabschieden. Das macht mich ein bisschen traurig, aber das ist nun mal der Lauf der Dinge.

Wir schieben die Trage in unseren Wagen und verabschieden uns von der Familie. Sie wollen bald nachkommen, müssen aber noch eine Betreuung für die beiden kleinen Mädchen organisieren.
Ich sitze hinten bei Klara und unterhalte mich mit ihr. Was sie früher gemacht hat, wie lange sie schon auf dem Hof wohnt und wie schön es ist, dass sich so viele Menschen um sie kümmern. Sie erzählt gerne von ihrem Leben, das merke ich, aber sie ist sehr traurig, dass sie ihrer Schwester so zur Last fällt. Ich versuche sie zu trösten, sage ihr dass ihre Familie sicherlich gern für sie da ist. Aber ich kann sie auch verstehen, es wäre mir wohl auch nicht angenehm, wenn ich sehe wie meine Familie mit mir leidet. Ich halte ihr die Hand, während wir so reden und glaube, dass tut ihr gut.

Als wir im Krankenhaus ankommen, meldet meine Kollegin sie direkt für die Palliativ an und ich stehe schon vorm Aufzug, als meine Kollegin grade wiederkommt. „Wir müssen in die Aufnahme“, sagt sie. „Wieso? Es ist doch alles geklärt dachte ich?“. „Hier ist nichts angekommen, oben ist kein Arzt und sie muss erst aufgenommen werden.“ Na toll, denke ich. Da hat man schon so eine tolle Möglichkeit, es dem Patienten erträglich zu machen und dann sowas. Klara scheint auch traurig darüber zu sein, was ich wirklich gut verstehen kann, denn unsere Notaufnahme ist eben genau das, eine NOTaufnahme. Da kann sich die Schwester nicht so viel Zeit nehmen, sie kennt die Patientin nicht und die Zimmer sind natürlich alles andere als schön. Genau diese Situation will das Palliativnetz eigentlich vermeiden, denn gerade sterbende Patienten sollte man einfach nicht allein lassen.
Wir lagern Klara also auf die nächste Trage um, auch diese Bewegung macht ihr wieder sehr zu schaffen. Ich glaube irgendwie nicht, dass sie aus der Aufnahme noch raus kommt, aber ich hoffe es für sie. Wir verabschieden uns von ihr und sie bedankt sich herzlich für unsere Hilfe. Ich drücke ihr noch einmal die Hand und wünsche ihr alles Gute, mehr kann ich ja leider nicht tun. Als wir wieder im Auto sitzen bin ich ein bisschen traurig, nicht nur weil es ihr so schlecht geht, sondern weil mal wieder eine Möglichkeit nicht ausgeschöpft wurde. Schade.

Ich weiß leider nicht was weiter passiert ist, aber ich hoffe, dass schnell ein Arzt da war und sie auf ihre Station konnte. Im Gefühl habe ich etwas anderes, aber vielleicht – hoffentlich – irre ich mich auch einfach. Ich finde es wirklich schade, dass das Palliativnetz oft nicht funktioniert, das war nicht das erste Mal, aber das eindrücklichste. Wo der Fehler lag ist leider nicht nachvollziehbar, vielleicht hat der Hausarzt doch vergessen im Krankenhaus angerufen, oder es ist dort untergegangen oder oder oder. Ich wünsche mir für jeden Patienten, dass das System noch verbessert wird, denn ich halte es für sehr sinnvoll und auch unkompliziert, so wie Medizin doch eigentlich sein sollte.

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Ein Gedanke zu „Palliativnetz

  1. So etwas ist immer blöd. Man gibt sich alle Mühe, klärt alles vorher ab und dann gibt es diesen Stolperstein. Ich finde die Palliativstationen gar nicht schlecht und kannte auch jemanden der in der Palliativ richtig aufgeblüht ist, weil die Medikamentendosierung besser war.
    Zum Glück ging es bei meinen Verwandten in dieser Hinsicht schnell und ohne lange Krankenhausaufenthalte 🙂

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