Ich liebe Pflegeheime!

Es ist Samstag. Ich bin extra in die Heimat gefahren, um meinem Chef mal wieder den Arsch zu retten ein bisschen Rettungsdienst zu fahren. Natürlich nicht auf meiner Heimatwache, sondern in Groß-Pampastadt, eine von vier Wachen im Hinterland-Kreis. Also eigentlich hab ich diese Wache sehr gern: 24h mit wenig Arbeit, ein fast schon gemütliches Bett für mich, meine Ruhe, da nur ein einziger Kollege rumläuft und natürlich einen riesigen Fernseher. Und ich meine wirklich riesig, geiles Teil! Also „zu Hause“ Sachen gepackt, ins Auto geschmissen und zu besagter Wache gefahren. Der Vortagsschicht und meinem netten Kollegen Brötchen mitgebracht, lecker gefrühstückt, Auto gecheckt und auf’s Sofa gefläzt. Geiles Leben.
Bis um 12.04 *titiiiiiit titiiiiiit* ertönt (wat is dat?? Achja… andere Meldertöne hier…): Alarmfahrt ins fünf Kilometer entfernte Altenheim, Verdachtsdiagnose ist mir ehrlich gesagt entfallen mittlerweile… sagen wir mal ACS. Also murrend meine Stiefel angezogen, Jacke angezogen und ab auf meinen Sitzplatz – Fahrerseite -, Blaulicht an und losgebrettert. Sogar wirklich ein bisschen beeilt, bin’s nicht gewohnt so lange Anfahrtswege zu haben… Na, Landrettung eben.
Das Altenheim kannte ich noch nicht, ich sollte in eine kleine Einfahrt fahren, 100m bevor das Navi Ziel anzeigte. Hab ich natürlich auch gemacht, der Herr weiß schließlich, was er tut. Geflucht, weil die „§*#!& Mitarbeiter natürlich kreuz und quer geparkt haben. Witzbolde… (Man muss ihnen zu Gute halten: Ich wusste nicht, dass das die Hintertür ist) Und was ist? Ich mach das Horn aus, zieh mir Handschuhe an und hole schon mal EKG und Sauerstoff aus dem Seitenfach, drehe mich um und werde empfangen von… niemandem. Nichtmal die Tür ist offen. Verdutzer Blickwechsel mit dem Kollegen. Da kommt eine verwirrt dreinblickende Pflegerin und macht uns auf:
„Was macht ihr hier und was soll denn der Krach??“ Verwirrt gucken wir uns an.
„ACS bei euch. Nicht? Dringend stand bei uns.“
„Was? Nein. Wir haben nen Krankentransport für Frau Meierschulz bestellt. Die hat seit Tagen Rückenschmerzen und Temperatur!“
„Ahhhja…“
Wir holen die Trage mit raus, packen unser Zeug drauf und traben ihr hinterher. Was soll das schon wieder?
„Okay, ihr habt nen Krankentransport bestellt. Gibt’s außer der Rückenschmerzen noch irgendwas, was wir wissen müssten?“ Wir steigen ihr hinterher in den Aufzug, es geht in die erste Etage.
„Ach, das hatte sie schon öfter mal, aber wir kriegen das einfach nich in den Griff. Und Fieber hat sie.. und *nuschel*“, sagt Pflegerin #1 und flitzt aus dem Aufzug.
„Wie war das?“, fragt mein Kollege beim Aussteigen, aber die Pflegerin ward schon durch eine Tür entschwunden, kommt zehn Sekunden später wieder raus, reicht uns ein paar Papiere und geht. Wohin auch immer, aber nicht in Richtung Patient. Ahhhja. Schön. Ich blätter die Unterlagen durch: Medikamentenliste, Pflegeüberleitung, Versichertenkarte, Einweisung ins Krankenhaus. Moment! Mein mittlerweile trainierter Blick hat da drei Seiten vorher was entdeckt, ich blättere zurück: MRSA. Na toll. Hätte sie uns ja mal sagen können, aber egal. Mutig gehe ich die letzten paar Schritte Richtung vermeindlichem Patientenzimmer (Da stand zumindest der Name dran und die Tür war offen) und gucke um die Ecke. Auftritt Pflegerin #2.
„Da seid ihr ja endlich! Wir warten schon eine Eeeeeewigkeit auf euch!“
„Wie jetzt? Ich dachte, es ist ein Krankentransport? Die andere Pflegerin wusste von nichts, wir sind extra eilig gekommen. Was is’n nun los hier?“
„Na, die Frau Meierschulz hat so Rückenschmerzen. Und Fieber. Und ’n bissel apathisch isse auch. Kommt doch rein!“
„Mooooment. Ich hab hier MRSA gelesen. Gibt’s dazu nen negativen Test?“
„Nein, aber das ist ja schon ewig her!“
„Das ist egal, wir müssen uns erst was anziehen.“
*hrmpf* Also runtergegangen, Kittel und Mundschutz angezogen und jetzt endlich zur Patientin.
„Guten Tag Frau Meierschulz. Wie geht es Ihnen?“
„*unverständliches Flüstern*“
„Sie müssen etwas lauter sprechen, wenn es geht, Frau Meierschulz!“
„Ach, das Alter.“, seufzt Frau Meierschulz leise, aber jetzt vernehmlich.
„Wie meinen Sie das? Was fehlt Ihnen genau?“
„Ach… Es geht. Nur ein bisschen Rückenschmerzen. Und schlapp fühl ich mich.“

Das komplette Standardmonitoring später, in dem keine Auffälligkeit zu Tage gekommen ist, außer 38,6°C Temperatur, ziehen wir die in der Ecke an irgendwas tüddelnde Pflegerin bei Seite.
„Also soweit wir das jetzt beurteilen können, hat Frau Meierschulz nichts akut Gefährdendes. Ins Krankenhaus muss sie wohl schon, aber wir würden gerne einen KTW holen dafür.“
„WIE BITTE?!“, schnauzt uns die Pflegerin entgeistert an
„Naja, wir sind der einzige Rettungswagen hier in Groß-Pampastadt und die Dame hat MRSA. Wenn es jetzt ein dringlicher Notfall wäre, würden wir nicht darüber diskutieren, aber deine Kollegin hat ja schon gesagt, dass ihr eigentlich nur einen Krankentransport bestellt habt“, versuche ich zu erklären, ohne groß auf ihre Lautstärke einzugehen.
„SPINNT IHR?!?! Ihr kommt hier mit großem Trara, Blaulicht und so, und wollt die Patientin dann HIER LASSEN?!?!“
„Naja, da können wir ja nichts für. Uns wurde ein Notfall angekündigt. Das wir was anderes vorfinden kann ja passieren…“
„DAS KANN JA WOHL NICHT WAHR SEIN!!! Ihr seid hier mit Blaulich angekommen, die Patientin soll ins Krankenhaus, aber ihr WOLLT SIE NICHT MITNEHMEN?“
„Bitte, schrei doch nicht so. Die Dame kommt ja ins Krankenhaus, aber wir würden eben ungerne unseren Rettungswagen verbrennen dafür. Den müssen wir danach komplett putzen und dann steht der erstmal zwei Stunden unbrauchbar rum. Wenn dann hier in Groß-Pampastadt jemand wirklich nen Herzinfarkt hat, dann muss der Wagen aus Klein-Pampa kommen. Und der braucht echt…“
„Ihr spinnt. DAS muss ich erst besprechen…“, sprachs und ward in Richtung ihrer Kollegin verschwunden. Ich höre, wie die nette Dame Sachen wie „Frechheit“ und „Kann ja wohl nicht wahr sein“ in ihren imaginären Zickenbart raunzt.
„Sach ma, was war das denn grade?“, frage ich meinen Kollegen, der genauso verdattert guckt wie ich,
„Keine Ahnung, ich ruf mal auf der Klingelbude an.“

Ich räume derweil schon mal ein paar unserer Klamotten zusammen und erzähle Frau Meierschulz, wie wir jetzt gerne weiter vorgehen würden. Sie findet das vollkommen in Ordnung. Dann kommen auch schon die beiden Pflegerinnen wieder und machen weiter mit ihrer Schimpftirade. Ich versuche zu vermitteln, aber es ist relativ zwecklos. Zu allem Überfluss kommt mein Kollege mit einer – selbst durch den Mundschutz zu sehenden – Fleppe bis zum Fußboden rein. Ich ahne Böses…

„Die haben im Moment keinen KTW, wir sollen den Transport selber machen.“
Ein überlegener, siegreicher Blick der Pflegerin #2. Pflegerin #1 hat sich schon wieder umgedreht und ist den Gang entlang verschwunden.

„Ich hab es euch doch gesagt. Transport verweigern, ne ist klar!“, mauzt die Zweite und will sich auch zum Gehen wenden.
„Moooooooment. Also schön, wir nehmen sie selber mit. Aber DU hilfst uns jetzt wenigstens beim Umlagern“, funkelt mein Kollege sie an. So will ich lieber nicht angeguckt werden. Aber wenigstens wird uns ohne weiteres Gemotze geholfen. Wir schieben die Patientin aus dem Altenheim und die Pflegerin macht mit trotzigem Blick die Tür hinter uns zu.
„Blöde Kuh!“, raune ich leise in meinen Mundschutz. Mein Kollege verdreht die Augen. „Willst du hinten, oder soll ich?“, fragt er. Ich gehe  nach hinten. Ich hasse es, mich aus dem Kittel zu pellen, nur um nach ner halben Stunde Fahrtzeit wieder einen an zu ziehen. Wenigstens kann ich mich noch ein klein wenig mit der Patientin unterhalten, die aber nach zehn Minuten zunehmend wortkarg wird. Na gut, so gut geht es ihr ja auch wirklich nicht.

Nachdem wir uns von der Patientin verabschiedet haben, packen wir alles zusammen und werfen unsere Kittel ins Auto.

„Ich hasse Pflegeheime!“, sagen wir synchron und fahren wieder unsere wohlverdienten Sofas an. Leute gibt’s, die gibt’s gar nicht.

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2 Gedanken zu „Ich liebe Pflegeheime!

  1. Habt ihr öfters mal Personalmangel?
    Hast du dann eigentlich ne „Stammwache“
    und war das jetzt eine Ausnahme oder ist das normal als Springer auf verschiedenen Wachen eingesetzt zu werden?

    Gruß

    • Das sieht nur so aus, natürlich sind wir top besetzt…
      Ja, ich habe eigentlich eine Stammwache, aber seit ich nur noch Aushilfe bin, springe ich hauptsächlich, bei uns ist das normal.
      Das kommt aber ganz darauf an, wo man arbeitet. Es gibt natürlich Arbeitgeber, die nur eine Wache betreiben, da kann man dann natürlich nur auf einer eingesetzt werden. Wenn es mehrere Wachen gibt, kann das schon mal passieren, aber ich glaube zwingen kann der AG einen nicht. Aber sicher bin ich da auch nicht.
      Liebe Grüße

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