Schwangere gehören in den Kreißsaal!*

*also, das sagt zumindest die Notaufnahme. Und ich wüsste gerne mal, wie die darauf kommen. Egal was die Schwangere hat, in welcher Woche sie ist und wie sie aussieht. Sobald du mit ihr an der Anmeldung stehst heißt es „Fahrt sie mal in den Kreißsaal“. Da ist es völlig egal, ob sie wirklich Wehen hat oder ob ihr Fuß gebrochen ist. Wahrscheinlich würden sie das auch sagen, wenn man drauf rumdrückt. Ist natürlich Blödsinn. Ein Beispiel:
Meine Kollegin – nennen wir sie Bea – und ich sitzen auf dem ersten RTW, haben grade zu Abend gegessen und wollen auf’s Sofa. Das wird jäh durch ein dämlich schrilles Geräusch unterbrochen: „Rückenschmerzen 32 SSW“. Ach herrjeh. Natürlich denkt man auch auf dem Retter erstmal an beginnende Geburt und Kreißsaal. Als wir ankommen, zeigt sich aber doch recht deutlich ein anderes Bild. Die arme Frau liegt zusammengekrümmt auf ihrem Badezimmerboden und kommt nicht mehr hoch. „Ich glaub ich hab nen Bandscheibenvorfall“ sagt sie. Anamnestisch finden wir heraus: Es ist das vierte Kind, Wehen kennt die Dame also und wenn sie sagt sie hat keine, dann hat sie auch keine. Das glaub ich ihr auf’s Wort, außerdem hatte sie schon zwei BSV und es wieder exakt genauso weh tut. Des Weiteren kann sie sich kaum bewegen, was für Wehen auch eher untypisch ist (Presswehen sind es ja wohl nicht, das hätte man gemerkt…). Wie genau es angefangen hat kann ich jetzt leider nicht mehr sagen, das ganze ist schon recht lange her. Bea und ich beraten, was wir jetzt weiter machen. Erstmal versuchen wir, der Dame irgendwie aufzuhelfen: Keine Chance. Auch mit ihrem Ehemann bekommen wir sie keinen Millimeter bewegt, ohne dass sie wimmert. Ja blöd, wir sind nämlich im ersten Stock. Runter tragen ist mit BSV nicht wirklich witzig, weil jede Bewegung dem Patienten extrem weh tut. Wir wissen selber, dass Analgesie schwierig ist. Paracetamol ginge wohl, aber das ist mit großer Sicherheit nicht stark genug. Opioide fallen raus, wäre die Frau schon am Ende der SS könnte man das machen und dann eben gleich die Geburt einleiten im Krankenhaus. Wäre möglich. Aber in der 32 SSW macht sowas natürlich keiner freiwillig. Naja, wir holen trotzdem nen Arzt dazu, vielleicht fällt dem ja was ein. Und wenn nicht, können die beiden wenigstens tragen helfen.
So ist es dann auch, der Arzt sieht keine Möglichkeit der suffizienten Analgesie. Zu viert tragen wir die arme Patientin dann mit dem Tragetuch im Schneckentempo durch den sehr engen Flur und die Wendeltreppe runter auf unsere Trage. Meinen Respekt hat sie: Sie hat sich nicht einmal laut geäußert. Weiß wie ne Wand vor Schmerz ist sie trotzdem und es tut mir echt leid, dass mehr als Händchenhalten nicht geht. Danach fahr ich im Schneckentempo ins 20km entfernte Krankenhaus. Gott sei dank liegt das aus unmittelbar an der neu gebauten, graden Straße genau dahin. Einmal abbiegen, drei Bahnübergänge, keine Schlaglöcher. Immerhin etwas. Wie lange wir gebraucht haben kann ich nicht sagen, am Krankenhaus angekommen sind wir alle drei (Das NEF ist vom Einsatzort gleich weiter, die brauchten wir ja nicht…) sehr glücklich, dass es bis dahin halbwegs erträglich nicht völlig unerträglich war. Was Frauen für ihre Kinder aushalten ist schon beeindruckend. Ich hätte wahrscheinlich nicht nur ein bisschen geheult vor Schmerzen. Aber nun zum Grund für meine Geschichte: Bei der Anmeldung erzähle ich, was passiert ist und dass wir aufgrund der Vorgeschichte von einem BSV ausgehen.
„Dann fahrt mal in den Kreißsaal hoch“ „Ähm, was sollen die mit der Patientin?“
„Na, die ist doch schwanger!“
„Die hat nen Bandscheibenvorfall?!“
„Naja, vielleicht sind es auch Wehen!“
„Die Frau hat schon drei Kinder und hatte schon Bandscheibenvorfälle. Meinst du nicht, dass sie weiß ob sie Wehen hat?“
„Die sagen doch immer, sie hätten keine Wehen und haben dann doch welche. Fahrt hoch!“

Und so weiter. Wir haben sicherlich zehn Minuten diskutiert, bis man eingesehen hat, dass der Kreißsaal grade so gar nicht hilft. Was sollen die denn da bitte machen? Die erste Sache ist: Kreißsäle sind eigentlich immer viel zu voll. Die haben keinen Platz für Frauen ohne Wehen. Zweitens: Im Kreißsaal sind hauptsächlich Hebammen und vielleicht noch eine Gyn-Assistentin/ein Gyn-Assistent. Was sollen die bitte mit einem Bandscheibenvorfall? Drittens: Es gibt kein einziges Anzeichen dafür, dass die Schmerzen eigentlich Wehen sind. Warum kann man das uns und der Patientin nicht einfach glauben? Wir machen das ja auch nicht erst seit gestern, werden aber bei Schwangeren immer so behandelt. Was soll das?