Schwangere gehören in den Kreißsaal!*

*also, das sagt zumindest die Notaufnahme. Und ich wüsste gerne mal, wie die darauf kommen. Egal was die Schwangere hat, in welcher Woche sie ist und wie sie aussieht. Sobald du mit ihr an der Anmeldung stehst heißt es „Fahrt sie mal in den Kreißsaal“. Da ist es völlig egal, ob sie wirklich Wehen hat oder ob ihr Fuß gebrochen ist. Wahrscheinlich würden sie das auch sagen, wenn man drauf rumdrückt. Ist natürlich Blödsinn. Ein Beispiel:
Meine Kollegin – nennen wir sie Bea – und ich sitzen auf dem ersten RTW, haben grade zu Abend gegessen und wollen auf’s Sofa. Das wird jäh durch ein dämlich schrilles Geräusch unterbrochen: „Rückenschmerzen 32 SSW“. Ach herrjeh. Natürlich denkt man auch auf dem Retter erstmal an beginnende Geburt und Kreißsaal. Als wir ankommen, zeigt sich aber doch recht deutlich ein anderes Bild. Die arme Frau liegt zusammengekrümmt auf ihrem Badezimmerboden und kommt nicht mehr hoch. „Ich glaub ich hab nen Bandscheibenvorfall“ sagt sie. Anamnestisch finden wir heraus: Es ist das vierte Kind, Wehen kennt die Dame also und wenn sie sagt sie hat keine, dann hat sie auch keine. Das glaub ich ihr auf’s Wort, außerdem hatte sie schon zwei BSV und es wieder exakt genauso weh tut. Des Weiteren kann sie sich kaum bewegen, was für Wehen auch eher untypisch ist (Presswehen sind es ja wohl nicht, das hätte man gemerkt…). Wie genau es angefangen hat kann ich jetzt leider nicht mehr sagen, das ganze ist schon recht lange her. Bea und ich beraten, was wir jetzt weiter machen. Erstmal versuchen wir, der Dame irgendwie aufzuhelfen: Keine Chance. Auch mit ihrem Ehemann bekommen wir sie keinen Millimeter bewegt, ohne dass sie wimmert. Ja blöd, wir sind nämlich im ersten Stock. Runter tragen ist mit BSV nicht wirklich witzig, weil jede Bewegung dem Patienten extrem weh tut. Wir wissen selber, dass Analgesie schwierig ist. Paracetamol ginge wohl, aber das ist mit großer Sicherheit nicht stark genug. Opioide fallen raus, wäre die Frau schon am Ende der SS könnte man das machen und dann eben gleich die Geburt einleiten im Krankenhaus. Wäre möglich. Aber in der 32 SSW macht sowas natürlich keiner freiwillig. Naja, wir holen trotzdem nen Arzt dazu, vielleicht fällt dem ja was ein. Und wenn nicht, können die beiden wenigstens tragen helfen.
So ist es dann auch, der Arzt sieht keine Möglichkeit der suffizienten Analgesie. Zu viert tragen wir die arme Patientin dann mit dem Tragetuch im Schneckentempo durch den sehr engen Flur und die Wendeltreppe runter auf unsere Trage. Meinen Respekt hat sie: Sie hat sich nicht einmal laut geäußert. Weiß wie ne Wand vor Schmerz ist sie trotzdem und es tut mir echt leid, dass mehr als Händchenhalten nicht geht. Danach fahr ich im Schneckentempo ins 20km entfernte Krankenhaus. Gott sei dank liegt das aus unmittelbar an der neu gebauten, graden Straße genau dahin. Einmal abbiegen, drei Bahnübergänge, keine Schlaglöcher. Immerhin etwas. Wie lange wir gebraucht haben kann ich nicht sagen, am Krankenhaus angekommen sind wir alle drei (Das NEF ist vom Einsatzort gleich weiter, die brauchten wir ja nicht…) sehr glücklich, dass es bis dahin halbwegs erträglich nicht völlig unerträglich war. Was Frauen für ihre Kinder aushalten ist schon beeindruckend. Ich hätte wahrscheinlich nicht nur ein bisschen geheult vor Schmerzen. Aber nun zum Grund für meine Geschichte: Bei der Anmeldung erzähle ich, was passiert ist und dass wir aufgrund der Vorgeschichte von einem BSV ausgehen.
„Dann fahrt mal in den Kreißsaal hoch“ „Ähm, was sollen die mit der Patientin?“
„Na, die ist doch schwanger!“
„Die hat nen Bandscheibenvorfall?!“
„Naja, vielleicht sind es auch Wehen!“
„Die Frau hat schon drei Kinder und hatte schon Bandscheibenvorfälle. Meinst du nicht, dass sie weiß ob sie Wehen hat?“
„Die sagen doch immer, sie hätten keine Wehen und haben dann doch welche. Fahrt hoch!“

Und so weiter. Wir haben sicherlich zehn Minuten diskutiert, bis man eingesehen hat, dass der Kreißsaal grade so gar nicht hilft. Was sollen die denn da bitte machen? Die erste Sache ist: Kreißsäle sind eigentlich immer viel zu voll. Die haben keinen Platz für Frauen ohne Wehen. Zweitens: Im Kreißsaal sind hauptsächlich Hebammen und vielleicht noch eine Gyn-Assistentin/ein Gyn-Assistent. Was sollen die bitte mit einem Bandscheibenvorfall? Drittens: Es gibt kein einziges Anzeichen dafür, dass die Schmerzen eigentlich Wehen sind. Warum kann man das uns und der Patientin nicht einfach glauben? Wir machen das ja auch nicht erst seit gestern, werden aber bei Schwangeren immer so behandelt. Was soll das?

Mein erstes Mal … (Teil 2)

… Reanimation!

8.44 Praktikant und ich gucken uns das Auto an, ich erkläre ihm noch ein bisschen was. „Aber mach dich darauf gefasst, dass eh nichts passiert. Wenn ich fahre geht es eigentlich immer Allen gut und mit Praktikant stehen dank Murphy die Autos eigentlich nur rum!“

8.45 *didelideliiiii* >bewusstlose Person<

Ja, ihr ahnt es. Ich hatte den Murphy-Bogen überspannt. In meinen 3 Jahren als Hauptamtliche Kutscherin und Aushilfe hatte ich sage und schreibe 0 -in Worten: null!- Reanimationen. Auch in dem Jahr als Praktikantin vorher nicht. Das sollte sich aber mit dem heutigen Tag ändern. Und auch das „eigentlich geht es allen gut“ wird sich noch als falsch erweisen – aber das ist noch eine andere Geschichte.

Wir ziehen uns also Schuhe und Jacken an, ich springe auf den Fahrersitz, mein Kollege hat die Tür grad zu und wir machen uns auf die erste Alarmfahrt des Tages. *krchkrch* „RTW von Leitstelle“ „Ja bitte?“ „Es handelt sich um eine Rea, Telefonrea durch Angehörige läuft“   Oh.    „Ja verstanden“

Ich musste kurz ein bisschen schlucken und fing dann an, nervös zu grinsen. „Ach, Peter… Das ist übrigens auch meine erste!“ „WAS?! Das ist jetzt nicht dein Ernst?“ „Doch… Schon.“ „Wie hast du denn das.. Ach egal. Kriegen wir alles hin. Du fängst einfach erstmal mit Drücken an und um den Rest kümmere ich mich schon!“

Kurzer Exkurs zu Peter: Es ist unsere erste Schicht zusammen und Peter kann mich zu Anfang nicht leiden. Das hat persönliche Gründe, auf die ich hier nicht näher eingehe. Aber seit Ende dieser Schicht kommen wir wirklich gut miteinander aus.

Als wir am Einsatzort ankommen, ziehe ich ziemlich nervös die Handschuhe an und hole EKG und Absaugung aus dem Auto. Wir laufen in ein Gebäude, das sehr nach ausgebauter Scheune aussieht. Nach der ersten Ecke sehen wir schon unseren Patienten: Blitzeblau zwischen Wohnzimmertisch und Sofa, ca. 70 Jahre alt und seine Frau kniet verzweifelt daneben und macht, was man als Reanimation bezeichnen könnte. Das hört sich jetzt hart an, aber war mein erster Eindruck. Nichts für Ungut. Ich knie mich neben sie „Wir übernehmen das jetzt, danke“ Ich mache noch eine kurze Atemkontrolle, während der Kollege schon die Defipads ausrollt. „Drück einfach!“ Gesagt, getan. Ich drücke also zum ersten Mal auf einem echten Patienten und was soll ich sagen? Es ist eigentlich wie an der Puppe. Nur, dass der Thorax oben schon auffällig weich war. Man könnte beinahe matschig sagen. Also hatte die gute Dame wirklich reanimiert vorher. Nicht schlecht! Der Prakti hat währenddessen den Koffer auf dem Wohnzimmertisch offen vor sich und sucht den Ambu-Beutel. In der Aufregung hat er erstmal nichts gefunden (Ja, auch bei dem größten Gegenstand im Koffer kann das passieren), aber nach einem kurzen „tief Durchatmen!“ von Peter ging alles reibungslos. Außer die Beatmung, die wollte einfach nicht ordentlich funktionieren. Der Praktikant übernimmt das Drücken, nachdem wir das erste Mal geschockt haben: Weiterhin Kammerflimmern.
Ich glaube, gedacht habe ich in der Situation kaum, ich habe meinem Kollegen einfach alles hingelegt, was er brauchte, irgendwann kam das NEF. Was die wohl gedacht haben? Beim Aufziehen von Amiodaron und Adrenalin zitterten natürlich meine Hände, wie immer. War aber nicht so tragisch, auch wenn man danach wahrscheinlich mich für die Praktikantin hielt. Aber nun gut, irgendwann ist halt immer das erste Mal!
Als der Notarzt zur Intubation schritt wurde auch klar, warum die Beatmung mehr schlecht als recht ging: Gebiss im Hals. Und zwar so tief, dass weder ich noch der Kollege es hätten sehen können. Nachdem das Gebiss aber raus, der Tubus drin und der mittlerweile dritte Schock abgegeben war, die Erleichterung: Eigenrhythmus! Kreislauf! Und deutlich weniger blau war der Patient auch.
„Alles okay bei dir?“ Das war der NEF Fahrer. Mir scheint, ich war etwas blass. Oder erhitzt. Aber es ging mir gut: Erste Rea gleich mit ROSC – sehr geil. Übrigens waren bis zu diesem Zeitpunkt keine 15min vergangen. Es kam mir allerdings wesentlich länger vor. Wir packen unsere Sachen ein, laden den Patienten per Schaufeltrage auf die Trage und bringen ihn in den RTW. Wir beginnen hinten mit der Kühlung und zeichnen alle Vitalparameter auf. Der Kollege fährt, da ich noch ziemlich viel Adrenalin habe und den Weg zum Krankenhaus nicht genau kenne. Auf der ganzen Fahrt hat der Patient einen ordentlichen Kreislauf und wir können ihn den Umständen entsprechend gut auf der Intensivstation abgeben.

Wir drei machen eine Nachbesprechung, in der uns Peter sehr lobt. Die Nervosität ist normal, dafür war alles sehr strukturiert. Er sagt mir hinterher nur, dass ich beim Adrenalin unbedingt ansagen muss, ob es pur oder verdünnt ist. Ich kenne es pur, in dem Kreis wird verdünnt. Ok, kann passieren. Sie haben es ja gemerkt, alles ist gut. Auf der Wache füllen wir recht gut gelaunt auf, der Praktikant bekommt einen EKG Ausdruck für sein Berichtsheft und wir knobeln aus, wer wann Kuchen mitbringt.

Auch eine Woche später befindet sich unser Patient bei recht guter Gesundheit, vielleicht waren wir also rechtzeitig da! Ich muss echt noch mal nachforschen, wie er entlassen wurde.

Das war sie also, meine erste Rea. Mittlerweile hatte ich manchmal schon richtiggehend Angst davor, da ich nun schon recht lange dabei bin und diese „Jungfräulichkeit“ die Sicherheit nicht grade steigert. Aber wie eigentlich zu erwarten war: Man funktioniert. Vielleicht gibt es ein paar kleine Fehler, aber mit einem guten Team geht das wirklich gut.

Ich liebe Pflegeheime!

Es ist Samstag. Ich bin extra in die Heimat gefahren, um meinem Chef mal wieder den Arsch zu retten ein bisschen Rettungsdienst zu fahren. Natürlich nicht auf meiner Heimatwache, sondern in Groß-Pampastadt, eine von vier Wachen im Hinterland-Kreis. Also eigentlich hab ich diese Wache sehr gern: 24h mit wenig Arbeit, ein fast schon gemütliches Bett für mich, meine Ruhe, da nur ein einziger Kollege rumläuft und natürlich einen riesigen Fernseher. Und ich meine wirklich riesig, geiles Teil! Also „zu Hause“ Sachen gepackt, ins Auto geschmissen und zu besagter Wache gefahren. Der Vortagsschicht und meinem netten Kollegen Brötchen mitgebracht, lecker gefrühstückt, Auto gecheckt und auf’s Sofa gefläzt. Geiles Leben.
Bis um 12.04 *titiiiiiit titiiiiiit* ertönt (wat is dat?? Achja… andere Meldertöne hier…): Alarmfahrt ins fünf Kilometer entfernte Altenheim, Verdachtsdiagnose ist mir ehrlich gesagt entfallen mittlerweile… sagen wir mal ACS. Also murrend meine Stiefel angezogen, Jacke angezogen und ab auf meinen Sitzplatz – Fahrerseite -, Blaulicht an und losgebrettert. Sogar wirklich ein bisschen beeilt, bin’s nicht gewohnt so lange Anfahrtswege zu haben… Na, Landrettung eben.
Das Altenheim kannte ich noch nicht, ich sollte in eine kleine Einfahrt fahren, 100m bevor das Navi Ziel anzeigte. Hab ich natürlich auch gemacht, der Herr weiß schließlich, was er tut. Geflucht, weil die „§*#!& Mitarbeiter natürlich kreuz und quer geparkt haben. Witzbolde… (Man muss ihnen zu Gute halten: Ich wusste nicht, dass das die Hintertür ist) Und was ist? Ich mach das Horn aus, zieh mir Handschuhe an und hole schon mal EKG und Sauerstoff aus dem Seitenfach, drehe mich um und werde empfangen von… niemandem. Nichtmal die Tür ist offen. Verdutzer Blickwechsel mit dem Kollegen. Da kommt eine verwirrt dreinblickende Pflegerin und macht uns auf:
„Was macht ihr hier und was soll denn der Krach??“ Verwirrt gucken wir uns an.
„ACS bei euch. Nicht? Dringend stand bei uns.“
„Was? Nein. Wir haben nen Krankentransport für Frau Meierschulz bestellt. Die hat seit Tagen Rückenschmerzen und Temperatur!“
„Ahhhja…“
Wir holen die Trage mit raus, packen unser Zeug drauf und traben ihr hinterher. Was soll das schon wieder?
„Okay, ihr habt nen Krankentransport bestellt. Gibt’s außer der Rückenschmerzen noch irgendwas, was wir wissen müssten?“ Wir steigen ihr hinterher in den Aufzug, es geht in die erste Etage.
„Ach, das hatte sie schon öfter mal, aber wir kriegen das einfach nich in den Griff. Und Fieber hat sie.. und *nuschel*“, sagt Pflegerin #1 und flitzt aus dem Aufzug.
„Wie war das?“, fragt mein Kollege beim Aussteigen, aber die Pflegerin ward schon durch eine Tür entschwunden, kommt zehn Sekunden später wieder raus, reicht uns ein paar Papiere und geht. Wohin auch immer, aber nicht in Richtung Patient. Ahhhja. Schön. Ich blätter die Unterlagen durch: Medikamentenliste, Pflegeüberleitung, Versichertenkarte, Einweisung ins Krankenhaus. Moment! Mein mittlerweile trainierter Blick hat da drei Seiten vorher was entdeckt, ich blättere zurück: MRSA. Na toll. Hätte sie uns ja mal sagen können, aber egal. Mutig gehe ich die letzten paar Schritte Richtung vermeindlichem Patientenzimmer (Da stand zumindest der Name dran und die Tür war offen) und gucke um die Ecke. Auftritt Pflegerin #2.
„Da seid ihr ja endlich! Wir warten schon eine Eeeeeewigkeit auf euch!“
„Wie jetzt? Ich dachte, es ist ein Krankentransport? Die andere Pflegerin wusste von nichts, wir sind extra eilig gekommen. Was is’n nun los hier?“
„Na, die Frau Meierschulz hat so Rückenschmerzen. Und Fieber. Und ’n bissel apathisch isse auch. Kommt doch rein!“
„Mooooment. Ich hab hier MRSA gelesen. Gibt’s dazu nen negativen Test?“
„Nein, aber das ist ja schon ewig her!“
„Das ist egal, wir müssen uns erst was anziehen.“
*hrmpf* Also runtergegangen, Kittel und Mundschutz angezogen und jetzt endlich zur Patientin.
„Guten Tag Frau Meierschulz. Wie geht es Ihnen?“
„*unverständliches Flüstern*“
„Sie müssen etwas lauter sprechen, wenn es geht, Frau Meierschulz!“
„Ach, das Alter.“, seufzt Frau Meierschulz leise, aber jetzt vernehmlich.
„Wie meinen Sie das? Was fehlt Ihnen genau?“
„Ach… Es geht. Nur ein bisschen Rückenschmerzen. Und schlapp fühl ich mich.“

Das komplette Standardmonitoring später, in dem keine Auffälligkeit zu Tage gekommen ist, außer 38,6°C Temperatur, ziehen wir die in der Ecke an irgendwas tüddelnde Pflegerin bei Seite.
„Also soweit wir das jetzt beurteilen können, hat Frau Meierschulz nichts akut Gefährdendes. Ins Krankenhaus muss sie wohl schon, aber wir würden gerne einen KTW holen dafür.“
„WIE BITTE?!“, schnauzt uns die Pflegerin entgeistert an
„Naja, wir sind der einzige Rettungswagen hier in Groß-Pampastadt und die Dame hat MRSA. Wenn es jetzt ein dringlicher Notfall wäre, würden wir nicht darüber diskutieren, aber deine Kollegin hat ja schon gesagt, dass ihr eigentlich nur einen Krankentransport bestellt habt“, versuche ich zu erklären, ohne groß auf ihre Lautstärke einzugehen.
„SPINNT IHR?!?! Ihr kommt hier mit großem Trara, Blaulicht und so, und wollt die Patientin dann HIER LASSEN?!?!“
„Naja, da können wir ja nichts für. Uns wurde ein Notfall angekündigt. Das wir was anderes vorfinden kann ja passieren…“
„DAS KANN JA WOHL NICHT WAHR SEIN!!! Ihr seid hier mit Blaulich angekommen, die Patientin soll ins Krankenhaus, aber ihr WOLLT SIE NICHT MITNEHMEN?“
„Bitte, schrei doch nicht so. Die Dame kommt ja ins Krankenhaus, aber wir würden eben ungerne unseren Rettungswagen verbrennen dafür. Den müssen wir danach komplett putzen und dann steht der erstmal zwei Stunden unbrauchbar rum. Wenn dann hier in Groß-Pampastadt jemand wirklich nen Herzinfarkt hat, dann muss der Wagen aus Klein-Pampa kommen. Und der braucht echt…“
„Ihr spinnt. DAS muss ich erst besprechen…“, sprachs und ward in Richtung ihrer Kollegin verschwunden. Ich höre, wie die nette Dame Sachen wie „Frechheit“ und „Kann ja wohl nicht wahr sein“ in ihren imaginären Zickenbart raunzt.
„Sach ma, was war das denn grade?“, frage ich meinen Kollegen, der genauso verdattert guckt wie ich,
„Keine Ahnung, ich ruf mal auf der Klingelbude an.“

Ich räume derweil schon mal ein paar unserer Klamotten zusammen und erzähle Frau Meierschulz, wie wir jetzt gerne weiter vorgehen würden. Sie findet das vollkommen in Ordnung. Dann kommen auch schon die beiden Pflegerinnen wieder und machen weiter mit ihrer Schimpftirade. Ich versuche zu vermitteln, aber es ist relativ zwecklos. Zu allem Überfluss kommt mein Kollege mit einer – selbst durch den Mundschutz zu sehenden – Fleppe bis zum Fußboden rein. Ich ahne Böses…

„Die haben im Moment keinen KTW, wir sollen den Transport selber machen.“
Ein überlegener, siegreicher Blick der Pflegerin #2. Pflegerin #1 hat sich schon wieder umgedreht und ist den Gang entlang verschwunden.

„Ich hab es euch doch gesagt. Transport verweigern, ne ist klar!“, mauzt die Zweite und will sich auch zum Gehen wenden.
„Moooooooment. Also schön, wir nehmen sie selber mit. Aber DU hilfst uns jetzt wenigstens beim Umlagern“, funkelt mein Kollege sie an. So will ich lieber nicht angeguckt werden. Aber wenigstens wird uns ohne weiteres Gemotze geholfen. Wir schieben die Patientin aus dem Altenheim und die Pflegerin macht mit trotzigem Blick die Tür hinter uns zu.
„Blöde Kuh!“, raune ich leise in meinen Mundschutz. Mein Kollege verdreht die Augen. „Willst du hinten, oder soll ich?“, fragt er. Ich gehe  nach hinten. Ich hasse es, mich aus dem Kittel zu pellen, nur um nach ner halben Stunde Fahrtzeit wieder einen an zu ziehen. Wenigstens kann ich mich noch ein klein wenig mit der Patientin unterhalten, die aber nach zehn Minuten zunehmend wortkarg wird. Na gut, so gut geht es ihr ja auch wirklich nicht.

Nachdem wir uns von der Patientin verabschiedet haben, packen wir alles zusammen und werfen unsere Kittel ins Auto.

„Ich hasse Pflegeheime!“, sagen wir synchron und fahren wieder unsere wohlverdienten Sofas an. Leute gibt’s, die gibt’s gar nicht.

Zustand nach Wacken!

Hallo Leute,

der ein oder andere hat es sicher mitbekommen: Ich war am Wochenende nicht beim Pflegepraktikum, sondern habe mich anderweitig beschäftigt. Wie man dem Titel entnehmen kann, war ich in Wacken! Am Mittwoch bin ich dorthin aufgebrochen, am Sonntag wieder gekommen. Wobei mein Verstand definitiv noch da ist, gestern und heute war ich absolut schusselig, aber was solls. Wacken musste ich mir einfach geben! edit: diese Zeilen schrieb ich natürlich schon kurz nach der Rückkehr vor drei Wochen 😉

Wacken, das sind 85.000 Besucher und etwa 15.000 irgendwie geartete Mitarbeiter, seien es Künstler, Roadies, Fotographen oder die Security. Das ist ein Dorf von weniger als 2000 Einwohner, das geflutet wird von unglaublich friedlichen, gut gelaunten und völlig Verrückten Metalheads, die meistens unglaublich dankbare Patienten sind – was durchaus doppeldeutig gemeint ist, denn die Arbeit ist nicht besonders schwer, aber die Jungs und Mädels dort legen eine Dankbarkeit an den Tag, das ist unfassbar! Da bekommt man von völlig Fremden Süßigkeiten oder ne Umarmung und das für nen Pflaster oder nen Schwung Fenistil. Auf diesem Festival ticken die Uhren einfach anders. Man hat sich wirklich gefühlt, wie eine riesige Familie. Es gab nur wenige Differenzen und jeder hat jedem geholfen, wo er kann. Tolle Menschen, tolles Arbeiten. Ich vermisse es jetzt schon!

Ich hatte die Tagschicht von 8.00 bis 20.00, je nach Einsatzort war da mal mehr, mal weniger zu sehen. Am ersten richtigen Tag des Festivals war ich am „Wackinger Village“ eingesetzt, das ist der Mittelaltermarkt auf Wacken mit einer eigenen kleinen Bühne. Habe das Gelände erkundet und einige super Konzerte gesehen, Patienten dafür weniger. Vormittags mussten wir die Patienten, die sich am Eingang dort eingefunden haben, einfach zum Behandlungsplatz begleiten, weil an der kleinen Außenstelle außer das nötigste Notfallzeug und ein paar Pflaster eigentlich kein Material da war und das Festivalgelände noch nicht für Besucher offen. So gesehen war der Einstieg in den Wacken-Sandienst relativ unspektakulär, aber dafür konnte ich mich mit Allen gut unterhalten und habe viele super tolle Leute kennen gelernt.

Den Freitag war ich dann im Behandlungszelt (BHP), was medizinisch gesehen sehr viel schöner war. Cool finde ich, dass es teilweise geradezu wie eine Hausarztpraxis ist, so musste ich zum Beispiel mehrere Verbände wechseln, was zum Teil echt schwierig war: Die Schiene sitzt so komisch, muss das so?“ „Ja, der Arzt wollte keine neue machen, sondern hat einfach noch eine drangebabbt…“ „Ahja. Meinste, das sitzt gut so?“ „Jau, ich guck mal!“ Der Patient kam nach ner Minute wieder, Schiene saß doch nicht richtig. Ich hätte damit gerechnet, dass er mir irgendwie böse ist, aber er hat nur gelacht und meinte mit so einer doofen Konstruktion könne das ja auch nicht klappen.
Der nächste Patient hatte einen merkwürdigen Hautausschlag, da hab ich mir dann mal einen Arzt dazu geholt. Mit dem habe ich mich auch sofort angefreundet und so hat er mich bei seinen nächsten Patienten immer mit dazu geholt und mich alles machen lassen, mir viel erklärt und mir die Möglichkeit gegeben, meine Zugang-lege-Fähigkeiten zu verbessern. Habe mich auch gar nicht so schlecht geschlagen.
So ging der Tag dann weiter, hauptsächlich umgeknickte Füße, Sonnenbrand und Hautausschlag.
Komisch fand ich eine Patientin, die angab von einer Wespe gestochen worden zu sein und schon mal allergisch darauf reagiert hätte. Wohlbemerkt hatte sie zwar leichten Schwindel, allerdings war der Stich schon ein paar Stunden her und beim letzten Mal kam die „Allergische Reaktion“ wohl auch erst nach ein paar Tagen… Sie wollte nun aber unbedingt irgendeine Behandlung, also zog ich meinen Lieblingsarzt hinzu. Der stellte ihr die Wahl zwischen „Kühlen und mal abwarten“ und „volle Dröhnung Medis“. Ratet mal, für was die Dame sich entschieden hat… Also Zugang an den Start gebracht und ein kleines Sammelsurium an Medis verabreicht. Na, wers braucht…

Besonders cool fand ich auch einen Patienten, der mit schmerzhaft geschwollenem Knie nach Trauma im Moshpit kam. Ich habe es soweit ich kann untersucht (Bänder auf Stabilität geprüft: war alles okay, aber ziemlich schmerzhaft Richtung innen) und ihm gesagt, dass ich das gerne im Krankenhaus per bildgebendem Verfahren untersucht hätte. Die Idee fand er natürlich nicht so toll. Also wieder einen Arzt zugezogen, der war Orthopäde und hat das Knie in aller Ausführlichkeit untersucht. Und nett war er auch, will heißen: Er hat mir danach auch noch mal alles ganz genau gezeigt und es mich dann selbst machen lassen. Er Sadist. Ich Sadistin. Perfektes Team!
Fazit: V.a. Meniskusverletzung. Trotz der extremen Schmerzen wollte der Patient aber einfach nicht ins Krankenhaus, sodass er einfach die Erklärung unterschrieb, dass er gegen ärztlichen Rat wieder geht und verschwunden war er. Habe ihn auch wirklich nicht wieder gesehen. Mit dem Arzt hab ich mich dann noch ein bisschen unterhalten, Spaß hatte ich an dem Tag auf jeden Fall.

Am dritten Tag war ich wieder im BHP und zwischendurch habe ich noch die Fußstreife mitgemacht. Da hab ich natürlich die Chance genutzt und mir ein Wacken Shirt gekauft. 😉 Leider war am Samstag total tote Hose. Nur eine Patientin war auffällig, die mit Übelkeit kam und wohl seit Tagen nicht wirklich was gegessen hatte. Habe mal Blutzucker gemessen: Knapp 40 (zwischen 80-120 sollte das sein!), aber sonst eigentlich völlig unauffällige Neurologie und co. Sehr komisch, aber der zugezogene RA und ich kamen dann doch überein, dass wir sie zur Pommesbude schicken, statt ihr nen Zugang zu knallen. Da sie mit einem Freund unterwegs war, ist das ja auch völlig okay, habe ihm noch mal gesagt, auf was er achten muss und dass er bei jedweder Art von Auffälligkeit bitte sofort wieder mit ihr herkommt. Auch das Mädel hab ich nicht noch mal gesehen.

Sonst gab es für mich nicht viele wirklich spektakuläre Sachen, aber es war dieses Jahr auch generell ruhig. Der Dienst erinnert mich am Meisten einfach wirklich an eine große Hausarztpraxis, genau diese Mischung trifft man auf Wacken, bis auf dass der Bereich der kleineren Verletzungen vielleicht ein bisschen häufiger ist als normal. Auf jeden Fall hat es super viel Spaß gemacht und ich hoffe, dass ich nächstes Jahr trotz Physikum hinfahre. Das kann ich mir einfach nicht entgehen lassen, der Wacken-Virus hat mich absolut infiziert! Man kann das auch leider nicht richtig gut beschreiben, ich hoffe es ist ein bisschen rüber gekommen, wie Wacken so ist. Ganz ehrlich? Am Besten versucht ihr, selbst mal mitzumachen, denn das eigene Bild ist immer das Beste 😉

So, da sind ja jetzt einige Worte zusammen gekommen, so lasse ich das jetzt stehen. Wenn ihr fragen habt, fragt! 😉

Mein erstes Mal…

… den Rettungswagen rufen.

Neulich war es soweit, ich hab das erste Mal einen Rettungswagen gerufen. Ich hab natürlich schon häufig auf der Leitstelle angerufen, auch schon über die allseits bekannte dreistellige Nummer. Aber wenn man dann doch selbst mal nen RTW braucht, ist das ganz schon irgendwie komisch. Die Story begann damit, dass eine Freundin mich besorgt anrief, weil ihre Schwester seit zwei Tagen hohes Fieber hat und es ihr generell wirklich schlecht ging. Gut, bin ich mal hingefahren mit meinem Blutdruckmessgerät, warum auch nicht. Wirklich was machen kann ich da natürlich auch nicht, aber man ist ja füreinander da. Dort angekommen begrüßte mich ihre Schwester ganz verschwitzt und mit leiser Stimme. Ohoh, das sieht aber wirklich ziemlich krank aus. Fieber hatte sie eindeutig, die Messung ergab um 39°C. Blutdruck war auch relativ schwach bei irgendwas um 90, Puls recht schnell. Was ich dann damit anfangen sollte, wusste ich auch nicht so recht. Wadenwickel und sonstige Hausmittelchen hatte sie alle schon durch, also riet ich ihr zum Arzt zu fahren. Wollte sie auch machen, allerdings ging das mit dem Aufstehen grad so zur Toilette, aber viel weiter auch nicht. Als sie dann noch irgendwie total komische Verkrampfungen in der rechten Körperhälfte bekam wurde dann auch ich nervös. Also Notruf wählen. Was sag ich dem denn dann?
„Notruf“
„Ja hi, hier ist *das Kolibrikind*. Ich bin hier bei einer Freundin und der geht es gar nicht gut. Hat hohes Fieber und jetzt so komische Verkrampfungen im rechten Arm.“
„Hmm… Ja, ich schick dir nen RTW. Wo bist du denn grad und wie heißt die Dame?“
„Im Timbuktuweg, Name ist Musterfrau.“
„Was sollen wir daraus machen? Schlechter AZ?“
„Ja… das kommt irgendwie hin, genau weiß ichs ja nicht.“
„Ohne SoSi reicht?“
„Jaja, klar. So schlimm ist es auch nicht!“
„Gut, die Jungs sind auf dem Weg. Wir hören uns.“

Gut, das war doch einfacher als gedacht. Aber trotzdem ist es ein merkwürdiges Gefühl, da nicht als Kollege anzurufen wie sonst. Kann echt gut verstehen, warum das einigen sehr unangenehm ist. Trotzdem natürlich: Wenn ihr Hilfe braucht, scheut euch nicht davor 112 zu wählen. Das sind auch nur Menschen am anderen Ende der Leitung und die wollen euch nur helfen! 😉

Ende vom Lied war: Die Besatzung begrüßte mich mit „Was machst du denn hier?“ und war sich nach ein bisschen Diagnostik auch unsicher. Haben sogar NEF nachgefordert und wir haben uns dann irgendwie auf V.a. Meningitis geeinigt, weil sie auch Nackenschmerzen hatte. Tatsächlich war es „nur“ Schweinegrippe, da waren wir ganz froh. An Schutzkleidung haben wir nämlich erst im Krankenhaus gedacht… Grippe hat von uns auch keiner bekommen, puh! Dafür ich die Nummer des hübschen Kollegen. *g* Kann also doch zu was nütze sein, mal auf der anderen Seite zu stehen.

Ich habe mir grade überlegt, dass „Mein erstes Mal…“ auch gut eine Reihe werden könnte. Gibt da bestimmt noch einige spannende Themen.

Palliativnetz

Ich mag es ja, wenn Dinge funktionieren. Schade ist nur, wenn Sachen nicht funktionieren und dass dann dem Patienten schadet. So wie eines Abends unser liebes Palliativnetz. Grob gesagt ist das Palliativnetz ein Zusammenschluss vieler Haus- und Fachärzte in Kooperation mit einem unserer Krankenhäuser. Die Ärzte können Patienten auf eine Palliativliste setzen lassen und diese können dann eigentlich unkompliziert auf die hiesige Palliativstation aufgenommen werden, wenn es ihnen schlecht geht.

Einen Nachmittag fahren wir also mit dem Krankenwagen in ein Dörfchen außerhalb unserer Stadt, auf dem Melder stand schon, dass es eine Einweisung mit dem Ziel Palliativstation ist. Wir kommen an einen abgelegenen Hof und werden von einem Hund samt Frauchen Irmgard empfangen, ihrer Schwester Klara ginge es gar nicht gut. Sie erzählt uns, dass ihre Schwester Krebs hat und seit Monaten schon nicht mehr alleine leben kann. Klara wird von Irmgard und ihren Kindern so gut es geht gepflegt, da sie noch nicht alt ist (Mitte 50) soll sie auf gar keinen Fall in ein Heim. Jetzt ist Klara aber so kraftlos, dass auch Irmgard und ihr Sohn sie nicht mehr richtig auf die Toilette bekommen, Irmgard weiß nicht was sie machen soll. Sie wirkt sehr traurig und verzweifelt, ich merke ihr an, wie ungern sie ihre Schwester „einfach ins Krankenhaus geben will“. Ich sage ihr, dass ich das sehr gut verstehen kann, dass man aber auch auf sich selber achten muss. Es ist in einer solchen Situation immer schwer, die richtigen Worte zu finden, da tickt jeder Angehörige anders, doch Irmgard stimmt mir zu.
Meine Kollegin und ich sehen also nach Klara, der es wirklich nicht gut geht. Sie wirkt sehr matt, spricht sehr leise und kann sich kaum aufsetzen. Sie sagt, sie möchte ihrer Familie nicht mehr so zur Last fallen, daher hat sie heute Mittag ihren Hausarzt angerufen, der hat organisiert, dass sie auf der Palliativstation aufgenommen werden kann.
Irgendwie schaffen wir es Klara auf unseren Tragestuhl zu setzen, schon von dieser kleinen Anstrengung atmet sie sehr schwer. Leider passt unsere Trage nicht in ihre Wohnung, sonst hätten wir es ihr leichter machen können. So schieben wir sie auf dem Stuhl durch den Flur und tragen sie die Eingangstreppe herunter. Klara ist das unangenehm, da wir beide so zierliche Mädchen seien und sie lieber selber laufen können würde. Ich sage ihr, dass das für uns kein Problem ist, aber das glaubt sie mir natürlich nicht so recht. Das Umsetzen auf die Trage draußen fällt ihr wieder sehr schwer, aber gemeinsam schaffen wir auch das. Klara nimmt ihr Kuschelkissen mit, weil unser Kopfteil nicht besonders bequem ist. Als wir sie auf der Trage anschnallen, kommen zwei kleine Mädchen zur Tür, die bis dahin in einem Nebenraum gespielt haben. Sie wollen sich von Klara verabschieden und versprechen, sie bald im Krankenhaus zu besuchen. Dann kommt auch Klaras Mann zu uns nach draußen. Er wirkt sehr erschöpft, drückt ihre Hand und schaut sie einfach nur an. Es ist ein sehr intimer Moment, ich weiß nicht, wo ich hingucken soll. Meine Kollegin und ich merken, dass die beiden sich endgültig voneinander verabschieden. Das macht mich ein bisschen traurig, aber das ist nun mal der Lauf der Dinge.

Wir schieben die Trage in unseren Wagen und verabschieden uns von der Familie. Sie wollen bald nachkommen, müssen aber noch eine Betreuung für die beiden kleinen Mädchen organisieren.
Ich sitze hinten bei Klara und unterhalte mich mit ihr. Was sie früher gemacht hat, wie lange sie schon auf dem Hof wohnt und wie schön es ist, dass sich so viele Menschen um sie kümmern. Sie erzählt gerne von ihrem Leben, das merke ich, aber sie ist sehr traurig, dass sie ihrer Schwester so zur Last fällt. Ich versuche sie zu trösten, sage ihr dass ihre Familie sicherlich gern für sie da ist. Aber ich kann sie auch verstehen, es wäre mir wohl auch nicht angenehm, wenn ich sehe wie meine Familie mit mir leidet. Ich halte ihr die Hand, während wir so reden und glaube, dass tut ihr gut.

Als wir im Krankenhaus ankommen, meldet meine Kollegin sie direkt für die Palliativ an und ich stehe schon vorm Aufzug, als meine Kollegin grade wiederkommt. „Wir müssen in die Aufnahme“, sagt sie. „Wieso? Es ist doch alles geklärt dachte ich?“. „Hier ist nichts angekommen, oben ist kein Arzt und sie muss erst aufgenommen werden.“ Na toll, denke ich. Da hat man schon so eine tolle Möglichkeit, es dem Patienten erträglich zu machen und dann sowas. Klara scheint auch traurig darüber zu sein, was ich wirklich gut verstehen kann, denn unsere Notaufnahme ist eben genau das, eine NOTaufnahme. Da kann sich die Schwester nicht so viel Zeit nehmen, sie kennt die Patientin nicht und die Zimmer sind natürlich alles andere als schön. Genau diese Situation will das Palliativnetz eigentlich vermeiden, denn gerade sterbende Patienten sollte man einfach nicht allein lassen.
Wir lagern Klara also auf die nächste Trage um, auch diese Bewegung macht ihr wieder sehr zu schaffen. Ich glaube irgendwie nicht, dass sie aus der Aufnahme noch raus kommt, aber ich hoffe es für sie. Wir verabschieden uns von ihr und sie bedankt sich herzlich für unsere Hilfe. Ich drücke ihr noch einmal die Hand und wünsche ihr alles Gute, mehr kann ich ja leider nicht tun. Als wir wieder im Auto sitzen bin ich ein bisschen traurig, nicht nur weil es ihr so schlecht geht, sondern weil mal wieder eine Möglichkeit nicht ausgeschöpft wurde. Schade.

Ich weiß leider nicht was weiter passiert ist, aber ich hoffe, dass schnell ein Arzt da war und sie auf ihre Station konnte. Im Gefühl habe ich etwas anderes, aber vielleicht – hoffentlich – irre ich mich auch einfach. Ich finde es wirklich schade, dass das Palliativnetz oft nicht funktioniert, das war nicht das erste Mal, aber das eindrücklichste. Wo der Fehler lag ist leider nicht nachvollziehbar, vielleicht hat der Hausarzt doch vergessen im Krankenhaus angerufen, oder es ist dort untergegangen oder oder oder. Ich wünsche mir für jeden Patienten, dass das System noch verbessert wird, denn ich halte es für sehr sinnvoll und auch unkompliziert, so wie Medizin doch eigentlich sein sollte.

Finchen

Es gibt ja mittlerweile haufensweise Rettungsdienstgeschichten im Internet oder in Büchern oder vielleicht auch auf Klopapierrollen. Häufig sind es Geschichten von Patienten, die nicht so der Traumpatient eines jeden Rettungsdienstlers sind. Ich kenne auch einige von diesen Mitbürgern, aber es gibt auch viele wirklich nette Patienten. So wie Finchen zum Beispiel. Finchen ist ca. 80 Jahre alt und lebt alleine zu Hause, manchmal kommt ihre Tochter oder ihr Sohn sie besuchen. Heute geht es Finchen nicht so gut, sie fühlt sich ganz schlapp und eigentlich hat sie auch so ein komisches Gefühl in der Brust. Das hat sie öfter, aber sonst geht es immer weg. Heute nicht, deshalb hat ihre Tochter, die zufällig da war, uns angerufen. Finchen entschuldigt sich, dass wir kommen mussten, aber ihre Tochter hat sich Sorgen gemacht und eigentlich – das merkt sie jetzt – hat sie auch Schwierigkeiten mit der Luft. Das ist auch neu. Eine kleine Liste Vorerkrankungen hat sie, aber eigentlich kann sie nicht klagen. Der Frau Müller geht es doch viel schlechter.

Die körperliche Untersuchung ergibt keine großen Auffälligkeiten, aber gegen den Druck in der Brust gibt der Notarzt ihr Nitrospray. Wir wollen Finchen mit ins Krankenhaus nehmen und weil ihre Tochter das auch so sieht, kommt Finchen mit. Im Auto bekommt sie noch Zugang und co, aber das ist nicht so wichtig. Warum ich mich an Finchen erinnere ist das Gespräch im Auto. Es sei so nett, dass wir ihr helfen, dass wir uns Zeit für sie nehmen. Und ich sei noch so jung und mache trotzdem so einen harten Job. Ich weiß nicht, was ich darauf erwidern soll. Es macht mir eben Spaß zu helfen. Das sei selten, sagt sie. Die jungen Leute haben heute so viel zu tun, ihre Tochter kommt zwar alle paar Tage, aber sie ist auch immer schnell wieder weg. Das kann Finchen verstehen. Ihre Tochter muss viel arbeiten und irgendwann möchte sie ja sicher auch Zeit mit ihrem Mann und ihren Kindern verbringen. Finchen geht gern spazieren. Früher war sie mit ihrem Mann spazieren, oder mit Frau Meier. Aber die sind jetzt beide im Himmel, da muss sie alleine spazieren gehen. Das geht aber auch nicht mehr so gut. Das ist schade, sage ich, aber wieder weiß ich nicht so richtig, was ich sagen soll. Was sagt man denn einer Frau, die offenbar viel ihrer Freude verloren hat? Sie scheint einsam zu sein, zwar kommen ihre Kinder vorbei, aber offenbar traut Finchen sich nicht zu sagen, dass sie gerne mehr Zeit mit ihnen verbringen will. Finchen möchte niemandem zur Last werden und alte Frauen seien ja auch oft eine Last. Jetzt sind wir am Krankenhaus, Finchen wohnt nicht weit weg, und ich weiß noch immer nicht so recht, was ich eigentlich sagen soll. Sie bedankt sich noch mal bei uns allen, es ginge ihr schon viel besser. Und bei mir bedankt sie sich für das nette Gespräch. Gerne, sage ich ihr und meine es auch so. Wir verabschieden uns von ihr, wünschen ihr alles Gute und auch das ist wirklich ernst gemeint.

Es ist schön, wenn man helfen kann. Und vor allem, wenn man dafür nur zuhören muss. Leider nehmen wir uns oft nicht viel Zeit für die Patienten. Sei es, weil es wirklich schnell gehen muss oder weil wir genervt sind, dass wir schon wieder zu einem „nicht so wichtigen“ Einsatz mussten. Aber ist es nicht viel schöner, ein „danke“ zu hören, nur weil man jemandem zugehört hat? Ich finde schon.